Influencer Special: Interview mit Naomi Jon

„Auf Facebook hat niemand mehr Lust“

 

Auf YouTube hat Naomi Jon bereits die Millionen geknackt und sich damit innerhalb von zweieinhalb Jahren in einer hart erkämpften Branche fest etabliert. Im Interview erklärt die 22-Jährige, was sie bei einer Zusammenarbeit mit Marken schätzt, welche Fehler sie gerne vermieden hätte und was Artikel 17 für sie als Influencerin bedeutet.

Porträt: Naomi Jon

Warum hast du mit YouTube angefangen?

Naomi: Zuerst habe ich mich gar nicht getraut mit YouTube anzufangen – obwohl ich das immer wollte. Man hat Angst, in den ersten Videos nur für sich selbst zu reden, ohne dass jemand überhaupt zuschaut. Das war bei mir zum Glück nicht so. Ich habe meine Videos zuerst auf musical.ly (Anmerkung: heute TikTok) hochgeladen, dadurch hatte ich schon eine gute Basis, als ich mit YouTube anfing. musical.ly  war damals noch nicht so bekannt und dadurch anonymer. Mir haben dort immer mehr Leute gesagt, ich solle mal auf YouTube Make-up-Tutorials hochladen – und dann habe ich es einfach gemacht.

Wie bist du dann Influencer geworden?

Naomi: Ich glaube, da kann man keine klare Linie ziehen. Wenn du Social Media Kanäle hast, beeinflusst du automatisch die Menschen, die dir folgen. Wenn man bereits ein paar Follower hat, aktiv ist und sich der Richtung seines Contents bewusst ist, kann man sich meiner Meinung nach schon als Influencer bezeichnen.

Welche Fehler hast du gemacht, die du im Nachhinein lieber vermieden hättest?

Naomi: Gerade anfangs ist es schwer zu sagen, welche Kooperation wirklich gut für einen ist. Da freut man sich, wenn man ein Produkt kostenlos erhält und im Gegenzug „nur“ ein Video dafür drehen muss – das ist eigentlich nur Ausbeute, wenn man im Nachhinein drüber nachdenkt. Man muss sich mal vor Augen halten, dass selbst 2000 Views für die jeweilige Firma 2000 potenzielle Kunden bedeuten. Am Anfang sollte man deswegen sehr vorsichtig sein. Da ist es gut, wenn man jemanden hat, der einen an die Hand nimmt und verdeutlicht, wie wertvoll die eigene Reichweite ist – denn die kann schnell ausgenutzt werden.

„Marken sollten nicht auf die Followeranzahl achten, sondern auf das Engagement“

 

Wie lange hast du kostenlose Kooperationen gemacht?

Naomi: Ich würde auch heute kostenlose Kooperationen nicht ausschließen. Aber nur, wenn es etwas ist, das ich wirklich schon immer mal machen wollte und worauf ich richtig Lust habe. Aber wenn man erst einmal bezahlt wurde, merkt man, was die eigene Arbeit und Reichweite für einen Wert hat. Man denkt dann ganz anders über die Sache.

Also sind Kooperationen mit dir durch deinen Erfolg teurer geworden?

Naomi: Na klar. Mehr Engagement bedeutet eine größere Reichweite. Ich finde es schwierig zu sagen, dass mehr Follower gleich mehr Geld bedeuten. Viele Influencer mit z.B. eine Million Follower haben nur noch 20.000 Clicks pro Video. Deswegen sollten Marken auch nicht auf die Followeranzahl achten, sondern auf das Engagement, also Clicks, Views, Likes, etc..

Wodurch verdienst du denn eher dein Geld: Werbeeinnahmen auf YouTube oder Kooperationen?

Naomi: Kommt immer darauf an. YouTube ist eine feste Einnahme und Kooperationen auf Instagram mache ich zusätzlich. Man sollte bei Kooperationen immer schauen, ob einem das Produkt wirklich gefällt. Da bin ich zum Glück frei.

Wie viel Zeit investierst du in deine Arbeit?

Naomi: Viel! Ein YouTube-Video zum Beispiel ist bei mir sehr zeitaufwendig, weil ich sehr lange zum Schneiden brauche. Ich filme Samstagvormittags bis abends und schneide bis Sonntagnachmittag. Für ein Video sind dann schon mal so zwei Tage weg. Und bei Postings auf Instagram kommen durch Outfit-Suche, Fertigmachen, Schminken und Bildbearbeitung auch ein paar Stunden zusammen. Hört sich im ersten Moment irrwitzig an, aber man will das ja auch geil machen.

Ausprobieren geht über Studieren

 

Seit einigen Monaten bist du bei Instagram verifiziert. Hat dir das irgendetwas gebracht?

Naomi: Eine Verifizierung hat immer einen gewissen Grad an Seriosität. Das ist vor allem ein Vorteil, wenn man mit Marken zusammenarbeitet. Es macht einfach einen guten Eindruck – sehr viel mehr aber eigentlich nicht.

Und was musstest du für die Verifizierung tun?

Naomi: Eine Verifizierung auf Instagram zu erhalten, war nicht so einfach. Ich habe das öfters beantragt und mein Management hat mehrmals nachgehakt. Aber es gab von Instagrams Seite aus immer etwas, das dagegen sprach, wie z.B. dass mehr internationale Medien über mich berichten müssen. Allerdings berichten internationalen Medien auch ganz sicher nicht über einen verifizierten DSDS-Kandidaten, der 2010 mal in den Recall gekommen ist (lacht). Letztendlich kenne ich die genauen Gründe, woran sie eine Verifizierung ausmachen, nicht. Und irgendwann hat es ja geklappt.

Stichpunkt Marken: Was ist dir bei einer Zusammenarbeit wichtig? Wie sieht deine perfekte Kooperation aus?

Naomi: Das Wichtigste ist natürlich, dass ich die Marke bzw. das Produkt mag. Außerdem lass ich mir, bevor ich eine Kooperation eingehe, das Produkt immer erstmal zum Ausprobieren zuschicken. Wenn es nicht gut ist, promote ich es nicht. Ich habe zum Beispiel einem Unternehmen gesagt, dass ich das Make-up zuerst ausprobieren möchte, bevor ich es bewerbe. Das Produkt hat mir dann nicht gefallen, weshalb ich denen gesagt habe, dass ich die Kooperation nicht machen will. Daraufhin war das Unternehmen beleidigt und forderte von mir, dass ich die Sachen auf eigene Kosten zurückschicke. Da war ich erleichtert, dass ich die Zusammenarbeit mit solch einem Partner gar nicht erst eingegangen bin.

Zudem ist die Kommunikation wichtig. Das Briefing muss klar sein oder man lässt mir freie Hand – dann darf man sich aber auch nicht über das Ergebnis beschweren. Da ist die Abstimmung sehr entscheidend. Das Schlimmste ist, wenn man alles noch einmal machen muss. Das hatte ich leider auch schon ein paar Mal.

Artikel 17 und die Zukunft der Influencer

 

Was bedeutet Artikel 17 für deine Karriere?

Naomi: Das kann man ja noch nicht so richtig voraussagen. Auch wenn das Gesetz jetzt verabschiedet wurde, wird es für jedes EU-Land nochmal dauern, die Richtlinien festzulegen. Da wird vermutlich erst in ein paar Jahren etwas passieren. Ich versuche das erstmal entspannt zu sehen, jetzt gerade können wir sowieso nichts mehr machen.

Du verwendest doch aber sowieso nur deinen eigenen originalen Content. Dann dürfte dich das Gesetz gar nicht betreffen?

Naomi: Es sind Kleinigkeiten wie Sounds und Bilder, die ich zwischendurch kurz reinschneide, die meine Videos ausmachen. Ich weiß nicht, wie das Gesetz Streamingdienste betreffen wird, wo ich beispielsweise meine Hintergrundsounds hernehme. Man kann zwar bestimmt alles irgendwie selbst erstellen, das kostet aber sehr, sehr viel Zeit.

Was ist der Social Media Kanal der Zukunft? Facebook? YouTube? Instagram?

Naomi: Facebook auf jeden Fall nicht. Da hat niemand mehr so richtig Lust drauf, das hör ich auch von anderen. Instagram wird vermutlich weiterhin gut laufen. Die bringen regelmäßig neue Features raus, wodurch immer wieder frischer Wind aufkommt. Bei Snapchat ist es etwas schwieriger geworden. Ich nutze das zwar selbst noch viel und habe dort noch viele Views, aber von anderen höre ich, dass sie es kaum noch benutzen. Bei tiktok läuft es gerade auch gut. Die haben viel Budget und Lust und sind super motiviert. Seitdem sie von musical.ly zu TikTok geworden sind, haben sie ihre Nutzerzahlen stark hochgetrieben. Ich glaube die reißen noch viel in Zukunft.

Klare Briefings mit Hang zur Freiheit

 

Was muss man haben, um dich als Kooperationspartner zu gewinnen? Und wie kommt man an dich heran?

Naomi: Zuerst muss ich auf die Marke und das Produkt Lust haben. Wenn das Produkt mich nicht anspricht, habe ich auch kein Interesse. Außerdem sollten man die Einstellung haben, mich das Produkt erst einmal ausprobieren zu lassen und mich nicht sofort zu einem Posting drängen. Die Kommunikation ist natürlich auch wichtig bei einer Zusammenarbeit. Wenn die nicht läuft, habe ich wenig Lust auf eine Kooperation. Am besten reicht man eine Anfrage über mein Management ein. Die filtern die Nachrichten und geben die Anfragen an mich weiter, von denen sie denken, dass ich darauf Lust haben könnte.

Wünscht du dir bei einer Zusammenarbeit denn ein klares, vorgegebenes Briefing oder wärst du lieber komplett frei in der Ausführung?

Naomi: Am besten sind klare Briefings, an denen ich mich entlang hangeln kann, aber mir trotzdem noch genug Freiheiten geben, also eher sowas wie einen Leitfaden. Komplett frei loszulegen ist immer gefährlich, weil du Gefahr läufst, die Erwartungen nicht zu erfüllen. Ich habe auch kein Problem etwas genau so zu machen, wie der Kunde das will, wenn ich es gut finde. Wenn ich Lust auf die Kooperation habe, das Briefing aber nicht mein Fall ist, sage ich dem Kunden das und gebe ihm Ideen, wie ich das umsetzen würde, damit es zu mir und der Marke passt. Die Follower sehen immer, wenn du irgendetwas auf eine Art und Weise promotest, was einfach nicht du bist. Das wäre für mich eine Horror-Kooperation. Zum Glück konnten wir bisher immer einen Kompromiss finden.